Was macht ein Schädelknochen in einem burkinischen Klassenzimmer?
Während unserer letzten Reise bemerkten wir in einer Schule, dass in jedem Klassenzimmer mehrere Schädelknochen von Ziegen und Schafen herumlagen. Wir fragten den Direktor der Schule, was es damit auf sich hat und er erzählte uns, wie er im Schulalltag mit einer kontrovers diskutierten Problematik im burkinischen Schulsystem umgeht: dem Sprachenkonflikt.
Im Norden Burkina Fasos liegt die Analphabetenquote bei den Erwachsenen in fast allen Dörfern bei über 90 %, die allermeisten Menschen sind nie zur Schule gegangen. Das bedeutet auch, das unter den Erwachsenen über 90 % entweder gar nicht oder nur äußerst bruchstückhaft Französisch sprechen. Die Muttersprache der Kinder auf den Dörfern ist daher entweder Moorö, Fulfuldü oder eine andere afrikanische Sprache und da sie auch äußerst selten Zugang zu Radio oder gar Fernsehen haben, spielt Französisch in ihrem Alltag so gut wie keine Rolle. Französisch ist jedoch in Burkina Faso seit der Unabhängigkeit des Landes 1960 die alleinige Amtssprache. Die Bildungspolitiker des Landes haben daher entschieden, dass in den Grundschulen des Landes ausschließlich auf Französisch gesprochen und gelehrt werden soll. Die Lehrer haben den klaren Auftrag, mit den Kindern von Anfang an Französisch zu sprechen und jegliche Kommunikation auf einer Stammessprache zu vermeiden.
Die burkinischen Grundschullehrer sind mit dieser Problematik alltäglich im Unterricht konfrontiert. Bei einem Schulbesuch in der Region Soum erzählt uns der Direktor einer Grundschule, auf welche Schwierigkeiten er stößt: “Wir haben hier nur drei Lehrer und viele, viele Schüler. In jeder Klasse sitzen über 50 Kinder. Die Lehrer sind völlig überfordert damit, die Schüler dazu zu bringen, auch untereinander Französisch zu reden. Französisch ist für sie eben eine Fremdsprache, sie fühlen sich nicht wohl damit.” Das erinnert uns stark an unsere Englisch- und Französischstunden am Gymnasium. Auch damals haben unsere Fremdsprachenlehrer oft vergeblich versucht, die Benutzung der deutschen Sprache im Unterricht so weit es geht zu vermeiden. Doch der Fremdsprachenunterricht war ja auf ein oder zwei Stunden am Tag begrenzt und außerdem waren wir schon älter. Von der ersten Klasse an jeden Tag pausenlos mit diesem Sprachenkonflikt konfrontiert zu werden? Für uns unvorstellbar.
In der Schule, die wir besuchten, wenden die Lehrer eine Erziehungsmethode an, mit der sich nach ihrer langjährigen Erfahrung das Sprachenproblem am besten bewältigen lässt: In jeder Klasse gibt es einige Schädelknochen von Ziegen und Schafen. Wenn ein Schüler während des Unterrichts in seiner Muttersprache redet, muss er sich einen solchen Schöel mit einer Schnur um den Hals hängen, als deutlich sichtbares Symbol dafür, dass er die Regel nur Französisch zu sprechen verletzt hat. Das ist laut dem Direktor eine sehr wirksame Strafe und macht es den Lehrern erheblich leichter, Französisch als Unterrichtssprache durchzusetzen. Offiziell ist diese Methode zwar verboten, aber zwischen dem Gesetz auf dem Papier und der Anwendung des Rechts in der Praxis liegen in Burkina eben Welten.
Es ist unserer Meinung nach durchaus verständlich, dass einige Lehrer in Burkina Faso diese verbotene Methode anwenden, da es für sie unter den gegebenen Umständen die einzige Möglichkeit ist, mit der sie ihren Lehrauftrag ausführen können. Dennoch muss man sich natürlich fragen, ob die Anwendung dieser moralisch durchaus fragwürdigen Methode gerechtfertigt ist. Ist es menschenwürdig, Kindern mit derartigen Mitteln zu zeigen, dass ihre Muttersprache im Teillebensraum Schule nichts mehr wert ist? Sie vor ihren Mitschülern so zu blamieren?
Auch in der burkinischen Bildungspolitik wird das Sprachenprolem sehr kontrovers diskutiert, wie uns unser Moorö-Lehrer und inzwischen auch guter Freund Abel erzählte, als wir uns neulich bei ihm zum Tee-Trinken trafen. Die Gegner des derzeitigen Systems weisen auf die Probleme im Alltag hin und auf den drohenden Verlust der Stammessprachen, die ja einen wertvollen Teil der Kultur darstellen. Die Befürworter argumentieren, dass die Verbreitung von Französisch eine essentielle Voraussetzung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und damit für die Überwindung der Armut in Burkina Faso ist. Ausserdem sehen sie die französische Sprache als verbindendes Element der Vielzahl von Stämmen in Burkina. Abel, der an der Uni Ouagadougou Linguistik studiert, erzählte uns aber auch von einem Pilotprojekt von UNICEF, bei dem an einigen Schulen ein bilinguales Unterrichtsmodell getestet wird. Ein solches neues Grundschulmodell könnte die Sprachenproblematik vielleicht lösen. Doch der Weg dahin ist noch sehr weit und es ist fraglich, ob eine solch aufwändige Reform des Bildungssystems ohne weiteres durchgeführt werden kann. Vor kurzem erst wurde die Ausbildung der Grundschullehrer auf zwei Jahre verkürzt um Kosten einzusparen.
Im Norden Burkina Fasos liegt die Analphabetenquote bei den Erwachsenen in fast allen Dörfern bei über 90 %, die allermeisten Menschen sind nie zur Schule gegangen. Das bedeutet auch, das unter den Erwachsenen über 90 % entweder gar nicht oder nur äußerst bruchstückhaft Französisch sprechen. Die Muttersprache der Kinder auf den Dörfern ist daher entweder Moorö, Fulfuldü oder eine andere afrikanische Sprache und da sie auch äußerst selten Zugang zu Radio oder gar Fernsehen haben, spielt Französisch in ihrem Alltag so gut wie keine Rolle. Französisch ist jedoch in Burkina Faso seit der Unabhängigkeit des Landes 1960 die alleinige Amtssprache. Die Bildungspolitiker des Landes haben daher entschieden, dass in den Grundschulen des Landes ausschließlich auf Französisch gesprochen und gelehrt werden soll. Die Lehrer haben den klaren Auftrag, mit den Kindern von Anfang an Französisch zu sprechen und jegliche Kommunikation auf einer Stammessprache zu vermeiden.
Die burkinischen Grundschullehrer sind mit dieser Problematik alltäglich im Unterricht konfrontiert. Bei einem Schulbesuch in der Region Soum erzählt uns der Direktor einer Grundschule, auf welche Schwierigkeiten er stößt: “Wir haben hier nur drei Lehrer und viele, viele Schüler. In jeder Klasse sitzen über 50 Kinder. Die Lehrer sind völlig überfordert damit, die Schüler dazu zu bringen, auch untereinander Französisch zu reden. Französisch ist für sie eben eine Fremdsprache, sie fühlen sich nicht wohl damit.” Das erinnert uns stark an unsere Englisch- und Französischstunden am Gymnasium. Auch damals haben unsere Fremdsprachenlehrer oft vergeblich versucht, die Benutzung der deutschen Sprache im Unterricht so weit es geht zu vermeiden. Doch der Fremdsprachenunterricht war ja auf ein oder zwei Stunden am Tag begrenzt und außerdem waren wir schon älter. Von der ersten Klasse an jeden Tag pausenlos mit diesem Sprachenkonflikt konfrontiert zu werden? Für uns unvorstellbar.
In der Schule, die wir besuchten, wenden die Lehrer eine Erziehungsmethode an, mit der sich nach ihrer langjährigen Erfahrung das Sprachenproblem am besten bewältigen lässt: In jeder Klasse gibt es einige Schädelknochen von Ziegen und Schafen. Wenn ein Schüler während des Unterrichts in seiner Muttersprache redet, muss er sich einen solchen Schöel mit einer Schnur um den Hals hängen, als deutlich sichtbares Symbol dafür, dass er die Regel nur Französisch zu sprechen verletzt hat. Das ist laut dem Direktor eine sehr wirksame Strafe und macht es den Lehrern erheblich leichter, Französisch als Unterrichtssprache durchzusetzen. Offiziell ist diese Methode zwar verboten, aber zwischen dem Gesetz auf dem Papier und der Anwendung des Rechts in der Praxis liegen in Burkina eben Welten.
Es ist unserer Meinung nach durchaus verständlich, dass einige Lehrer in Burkina Faso diese verbotene Methode anwenden, da es für sie unter den gegebenen Umständen die einzige Möglichkeit ist, mit der sie ihren Lehrauftrag ausführen können. Dennoch muss man sich natürlich fragen, ob die Anwendung dieser moralisch durchaus fragwürdigen Methode gerechtfertigt ist. Ist es menschenwürdig, Kindern mit derartigen Mitteln zu zeigen, dass ihre Muttersprache im Teillebensraum Schule nichts mehr wert ist? Sie vor ihren Mitschülern so zu blamieren?
Auch in der burkinischen Bildungspolitik wird das Sprachenprolem sehr kontrovers diskutiert, wie uns unser Moorö-Lehrer und inzwischen auch guter Freund Abel erzählte, als wir uns neulich bei ihm zum Tee-Trinken trafen. Die Gegner des derzeitigen Systems weisen auf die Probleme im Alltag hin und auf den drohenden Verlust der Stammessprachen, die ja einen wertvollen Teil der Kultur darstellen. Die Befürworter argumentieren, dass die Verbreitung von Französisch eine essentielle Voraussetzung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und damit für die Überwindung der Armut in Burkina Faso ist. Ausserdem sehen sie die französische Sprache als verbindendes Element der Vielzahl von Stämmen in Burkina. Abel, der an der Uni Ouagadougou Linguistik studiert, erzählte uns aber auch von einem Pilotprojekt von UNICEF, bei dem an einigen Schulen ein bilinguales Unterrichtsmodell getestet wird. Ein solches neues Grundschulmodell könnte die Sprachenproblematik vielleicht lösen. Doch der Weg dahin ist noch sehr weit und es ist fraglich, ob eine solch aufwändige Reform des Bildungssystems ohne weiteres durchgeführt werden kann. Vor kurzem erst wurde die Ausbildung der Grundschullehrer auf zwei Jahre verkürzt um Kosten einzusparen.










