Flüchtlingsdramen an den Grenzen zu Europa
In den letzten Wochen wurde in den Medien über verstärkte Anstürme von Flüchtlingen auf die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko berichtet. Die EU-Kommission spricht von etwa 30.000 Menschen, die in Marokko und Algerien über die beiden spanischen Städte nach Europa zu kommen versuchen.
Der Grund für die mediale Aufmerksamkeit war das von Schlepperbanden eingeleitete,organisierte Vorgehen wobei nachts mehrere hundert Menschen auf die 3-6 Meter hohen Stacheldrahtzäune stürmen. Die spanische Polizei sah sich dann schon einmal überfordert und griff zu Tränengas und Gummigeschossen, wobei einige der Immigranten getötet wurden.
Doch dies ist nur die Spitze des Eisberges. Täglich versuchen Flüchtlinge aus Afrika meist mit Booten nach Europa zu gelangen. Marieluise Beck, Bundesbeauftragte für Migration, spricht von 55.000 Afrikanern, die es im Jahr 2004 versucht haben. Die Antwort von Europa lautet jedoch Selbstisolation: in den spanischen Enklaven wurden die Zäune durchgehend auf 6 Meter erhöht und man denkt über Stacheldrahtrollen in der zweiten Zaunreihe nach, wobei sich Flüchtlinge beim Versuch der Überquerung massiv verletzten würden. An der Küste Spaniens und Italiens sorgen Hightech Überwachungssysteme und Patrouillen für mehr „Sicherheit“. Die EU sagte Marokko umgehend 50.000 € Soforthilfe zu, um mit dem Flüchtlingsansturm fertig zu werden.
Migration als globales Problem
Es ist wohl ein Teil der Globalisierung, eine Folge der Spaltung unserer Welt in wohlhabende und verelendete Staaten, durch die derartige massenhafte Völkerwanderungen entstehen. Ein Bericht der UNO über globale Migration legt offen, dass sich die Zahl der Migranten von 1980 zu Heute auf 200 Millionen Menschen verdoppelt hat. Ursachen für die Migration sind Konflikte, Repression, Arbeitslosigkeit und Armut.
Während die EU und die USA repressiv reagieren und Angst schüren, dass Wohlstand und Sicherheit in Gefahr seien und somit die Abwehr verstärkt werden müsse, werden doch oft positive Effekte der Migration vergessen. Nach dem UNO Bericht werden weltweit jährlich etwa 240 Mio. USD von legalen und illegalen Migranten in ihre Heimatländer überwiesen. Nach Ansicht der UNO würden einige dieser Heimatländer ohne diese Überweisungen wohl zusammenbrechen, gleichzeitig beweisen sie auch die wirtschaftliche Leistung der Migranten.
Ich selbst wurde vor wenigen Wochen in Marokko Zeuge von diesem Phänomen. So besuchte ich ein Dorf in der Nähe von Fes mit einem seltsam hohen Anteil an Deutschsprechenden Berbern und einem recht hohen Lebensstandart für diese Region. Die meisten der Bewohner haben in Deutschland gearbeitet um so überlebensnotwendige Geldmittel an ihre Familien in Marokko zu senden. Bis heute leben die Familien in dem Dorf hauptsächlich vom Geld ihrer arbeitenden Angehörigen in Deutschland, auch wenn es nicht mehr jeder dorthin schafft bzw. dort bleiben darf. Arbeit gibt es auch hier sogut wie überhaupt nicht.
Doch die Menschen in Marokko sind selten unter den Flüchtlingen, welche sich in klapprigen Booten über das Mittelmeer oder den Sturm über Stacheldrahtzäune wagen. Menschen aus Senegal, Mali, Ghana, Nigeria, und der DR Kongo sind laut der marokkanischen Regierung am häufigsten vertreten, dort wo es eben absolut keine Perspektive mehr gibt. Allerdings sind auch selten die Ärmsten der Armen dabei, immerhin verlangen Schlepperbanden etwa 2000 € für die Überfahrt. Migrationsforscher Michael Jandl vom Zentrum für Migration in Wien geht davon aus, dass die Schlepperbanden durch ihr dreckiges Geschäft in Europa jährlich 4 Milliarden € machen – sie sind die Parasiten der Globalisierung.
Zaghaftes Umdenken.
Teilweise gibt es Anzeichen für ein Umdenken bei der EU. So forderte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor kurzem die Verdoppelung der Entwicklungshilfe mit den Worten: “Wir müssen ganz klar mehr tun. Es ist nicht nur eine Frage der Werte, der Großzügigkeit und Solidarität, es ist auch in unserem eigenen Interesse.” Auch die Einreisepolitik nimmt langsam neue Züge an. Experten diskutieren auf 2-3 Jahre begrenzte Visa - sog. „Development Visa“ sollen verkauft werden und den Migranten helfen sowie Schlepperbanden bekämpfen. Auch die marokkanische Regierung forderte unlängst eine Art „Marshallplan“, um mit dem tatsächlichen Problem, der Armut, fertig zu werden.
Langfristig dürften wohl nur eine geregelte legale Migrationspolitik und eine wirkungsvolle Bekämpfung der Armut gegen die momentanen Auswüchse helfen können.
Foto: Grenzzaun bei Ceuta. Von Alfred Hackensberger.













